Bleiben oder gehen (Hors Jeu/Ausser Spiel #01)

von Gunda Windmüller


“Mein Vater hatte sich schon Ende der 80er einen Computer gekauft, ich glaube, es war ein Commodore 64 oder so, er war auf jeden Fall sehr beige.”


Erklärende Worte zur Hors-Jeu/Ausser-Spiel-Reihe (von Eugen Pfister): Ich fange gerne Antragstexte, manchmal auch Papers mit der Erklärung an, dass digitale Spiele mittlerweile kein Randphänomen sind. Fast zwei Drittel der Bevölkerung spielen in der einen oder anderen Form regelmässig digitale Spiele. Milliardengeschäft und so weiter. Zugleich spielen aber nur wenige meiner Kolleg*innen und Freund*innen, die eben nicht gerade zu Spielen arbeiten. Das fand ich bemerkenswert und hab einige vor Kurzem gebeten mir einen Text im Format ihrer Wahl zu schreiben, in welchem Sie über Spiele nachdenken. Ganz ohne Spiele gibt es keine Biographie. Die Reihe eröffnet die Literaturwissenschaftlerin Gunda Windmüller, dank der Katharina Prager nun auch eine Freundin von mir, mit einem autobiographischen Einstieg:


Bild der Autorin

Mein Vater hatte sich schon Ende der 80er einen Computer gekauft, ich glaube, es war ein Commodore 64 oder so, er war auf jeden Fall sehr beige.

Dieser Computer stand dann in einem kleinen Zimmer im obersten Stock und wenig später kam mein Vater mal nach Hause und sagte, er hätte auch noch eine Maus mitgebracht, eine kleine Maus, und ich freute mich sehr und dann schob er mir eine rechteckige Pappschachtel hin und da war keine Maus drin, sondern ein „Eingabegerät“. Ich tat dann noch ein bisschen so, als würde ich mich weiter freuen. Aber süß war die nicht.

Ich wusste nicht, was man mit diesem Computer machen sollte, mein Vater glaub ich auch nicht, er nutzte ihn als Schreibmaschine, also er tippte alle Adressen aus dem Adressbuch meiner Eltern ab und druckte sie dann aus, mehrfach. Und dann kaufte er mir zwei Computerspiele, die kamen auch in rechteckigen Pappschachteln, aber immerhin bunt. SimCity und Indiana Jones.

SimCity hatte ich dann als erstes probiert zu spielen, aber ich verstand es nicht, vielleicht war auch irgendwas schief gegangen, beim Installieren, also das denke ich heute, denn „eine Stadt bauen“ hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich wollte es so machen, wie ich wollte, der Computer aber nicht und so gab ich vor lauter Frust mein ganzes Vermögen für ein Atomkraftwerk aus und freute mich ein paar Sekunden lang über die simulierte Zerstörung meiner sinnlosen Stadt.

Und dann kamen Daniel L und Daniel G nach der Schule mal vorbei, denn Daniel L kannte sich aus mit Computerspielen und Daniel G war sozusagen sein Assistent. Denn ich war bei Indiana Jones auch nicht sonderlich weit gekommen, immer landete ich in einer Kammer, in der ein paar Gegenstände rumlagen, außerdem mehrere beschriftete Steinquader auf dem Boden, von denen ich mir schon dachte, dass ich sie irgendwie öffnen müsste, aber nicht wusste, wie. Was ich noch weiß: ich lief da rum in dieser Kammer, ich nahm was hoch, ich legte es wo ab, ich versuchte irgendwas zu hauen, mit meiner Peitsche, aber nichts passierte. Ich ging raus und wieder rein. Nichts passierte.

Das hatte ich den Daniels erzählt. Daniel L setzte sich also hin und Daniel G und ich beugten uns über seine Schulter: L machte sich sofort daran, alle Steinquader zu öffnen und sich abzuseilen, durch Höhlen, in andere Kammern, zu Schätzen, er sammelte Dinge ein, er sagte „hier musst du das nehmen“ und „damit kann man dann da rein“. Ich war völlig fasziniert. Das ging über Stunden. Wie hatte er das alles rausgefunden? Er hat es einfach ausprobiert, sagte er dann, und ich fragte mich, wie man darauf kommt, alles auszuprobieren, also was war denn die Menge „alles“, wenn man ja vor dem Ausprobieren noch gar nicht wusste, was „alles“ war?

Diese Menge war doch sicher riesengroß. Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht dachte ich ja nur, ich hätte alles ausprobiert, aber vielleicht war es so, wie mit Serap in meiner Grundschulklasse. Wir hatten uns mal zusammen ein Wimmelbuch angeschaut und als ich dann bald etwas anderes spielen wollte, schaute Serap immer noch, ganz versunken saß sie da und schaute und entdeckte immer mehr Dinge, die sie mir dann zeigte und ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich gedrängelt hatte, aber auch, weil ich das nicht konnte.

Und jetzt erbrachte Daniel L also den Beweis, dass Indiana Jones doch mehr war als nur eine Kammer. Also sogar eine ganze Welt, die man sich erschließen konnte. Nur war diese Welt, nachdem wir mehrere Stunden mit ihr verbracht hatten und ich mir natürlich nicht alles merken konnte, für mich auch nicht viel größer als vorher. Du musst einfach alles Ausprobieren, sagte Daniel L zum Abschied. Wie bei Super Mario Land, wo es in irgendwelchen Höhlen unsichtbare Münzverstecke gab, die irgendwann mal irgendwer entdeckt hatte, weil Mario aus Versehen dagegen gehüpft war.

Jahre später sah ich jemandem beim Zelda-Spielen zu. Er kannte alle geheimen Wege, weil irgendein YouTuber sie ihm gezeigt hatte. Das hielt ich für Schummeln. Entweder man sitzt davor, wie Serap und Daniel L, und probiert „alles“ aus. Oder man lässt es.

Ich habe Indiana Jones noch zwei- oder dreimal gespielt. Dann ließ ich es.

Das konnte ich.


Gunda Windmüller ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, im November erscheint ihr drittes Sachbuch “Die Erfindung der Tochter – Von Rebellinnen, Erbinnen und Ungewollten” (link: https://www.rowohlt.de/autor/gunda-windmueller-21809), bei substack schreibt sie einen Newsletter: “und jetzt?”. (https://undjetztgunda.substack.com/)


Bild: Gunda Windmüller


Empfohlene Zitierweise :
Gunda Windmüller, “Bleiben oder Gehen” in:  Spiel-Kultur-Wissenschaften, <http://spielkult.hypotheses.org/9286> 22.06.2026.

 

Eugen Pfister
Eugen Pfister
Eugen Pfister leitet das SNF-Sinergia-Forschungsprojekt "Confoederatio Ludens" an der Hochschule der Künste Bern - HKB. Er forscht zur Ideengeschichte und… Weiterlesen

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Eugen Pfister (22. Juni 2026). Bleiben oder gehen (Hors Jeu/Ausser Spiel #01). Spiel-Kultur-Wissenschaft. Abgerufen am 13. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16g7e


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